E-paper - 09. Oktober 2019
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Keiner ist zu alt für Märchen

Andrea Gisder ist eine in der Region bekannte Märchenerzählerin

Bayreuth Andrea Gisder ist in der Region bekannt als Märchenerzählerin. Wie es dazu kam und was eine Märchenerzählerin ausmacht, darüber haben wir mit ihr gesprochen.

Wir wird man Märchenerzählerin?

Andrea Gisder: Man kann, zum Beispiel in München („Goldmund“ oder „Sprechwerker“), eine Ausbildung an einer Erzählakademie erhalten. Deutschlandweit gibt es viele solcher Schulen, die von erfahrenen Märchenerzählern betrieben werden. Man belegt ein bis zwei Jahre lang Wochenendseminare, bekommt ein Zertifikat und nennt sich danach Märchenerzähler. Das kostet gerne mal 2500 bis 3000 Euro ohne die möglicherweise noch anfallenden Anreise- und Hotelkosten. Es ist kein anerkannter Ausbildungsberuf. Ich bin allerdings ein Wildwuchs. Ich wusste gar nicht, dass es solche Schulen gibt, als ich in der Eremitage loslegte. Als ich nach meinem ersten öffentlichen Auftritt von einer Zuhörerin gefragt wurde, an welcher Akademie ich ausgebildet worden sei, habe ich gekichert und das für einen putzigen Witz gehalten. Die Grundausbildung habe ich trotzdem nie nachgeholt. Ich denke, man hat das Erzählen im Blut, und wenn nicht, verhilft auch keine Ausbildung zu einer guten Bühnenpräsenz. Ich gönne mir aber zweimal im Jahr eine Fortbildung in einem Märchen-Bereich, der mich interessiert.

Seit wann erzählen Sie Märchen?

Gisder: Beruflich erzähle ich seit zehn Jahren in der Eremitage – und anderswo – Märchen. Privat habe ich damit schon im Alter von fünf Jahren begonnen. In meiner Familie wurde samstags gemeinsam im Bett der Eltern gekuschelt. Papa, Mama, drei kleine Mädchen. Jeder der Lust hatte, erzählte den anderen ein ausgedachtes Märchen oder erfand eine Fortsetzung für die vorangegangene Geschichte. Papa war der Beste. Seine Wildsaugeschichten brachten uns vor Lachen zum Heulen.

Woher nimmt man die Märchen?

Gisder: Ich erfinde zwar gelegentlich eigene Märchen, entnehme sie aber überwiegend aus Büchern. Ich habe rund 450 Märchenbücher in meinen Regalen. Die habe ich nach etwa 50 Kriterien, entsprechend meiner Bedürfnisse, ausgewertet. Ja, auch eine Märchenfrau muss im Computer eine Datenbank anlegen können, sonst verliert sie den Überblick. Wir müssen zwar schon von Berufs wegen ein gutes Gedächtnis haben, aber den Inhalt von 450 Büchern (ergibt etwa 10.000 Märchen) hat man nicht mal so auf Abruf im Kopf parat.

Wie passt man die Märchen an?

Gisder: Gute Frage an eine Märchenerzählerin. Sie würden wohl von jeder meiner Kolleginnen eine andere Antwort erhalten. Es gibt viele Traditionalistinnen, die antworten würden: Welche Anpassung? Man gibt jedes Wort wieder, wie es geschrieben steht, sonst würde man den Text doch verfälschen! Ich gehe mit den Texten freier um. Märchen wurden in ihrer Urform erzählt und wandelten sich mit jedem Erzähler. Ich ziehe kurze Märchen vor, da ich in der Eremitage auf einem Rundgang von einer schönen Stelle zur nächsten ziehe. In der Regel erzähle ich in diesen 90 Minuten fünf Märchen. Keines sollte länger als zwölf Minuten dauern. Deshalb muss ich häufiger Geschichten sensibel einkürzen. Manche Stoffe eignen sich dazu, mit Klappmaulpuppen erzählt zu werden, andere für eine Bildergeschichte, wieder andere, um die Kinder in die Handlung aktiv einzubeziehen. Dann schreibe ich sie entsprechend um.

Ich habe ein Dutzend schöner Handpuppen in meiner Vitrine und male auch meine Blätter für die Bildergeschichten selbst. Den Umgang damit lernt man zum Beispiel bei Fortbildungen in Märchenakademien. Wenn man Märchen für Erwachsene erzählt, dürfen schon mal aktuelle Bezüge ins Märchen eingebaut werden, persönliche Erfahrungen oder ein Dialog mit den Zuhörern.

Fortsetzung auf Seite 7

Fraenkische Zeitung vom Mittwoch, 9. Oktober 2019, Seite 1 (3 Views)

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